Luis Eine Freundin zeigte uns damals Dias vom Segeltörn mit ihren Eltern.  Buchten mit glasklarem Wasser über türkisfarbenem Sandgrund, Inseln, die  in diesiger Ferne mit dem Meer verschmolzen, felsige Küsten, an denen  man mit dem Segelboot entlangschaukelte, windgetriebene Wellen mit  weißen Schaumkronen, denen man nur folgen musste um die ganze Welt zu  entdecken. Für mich stand sofort fest: so will ich leben!  Meinen ersten Segeltörn absolvierte ich auf einer Stahlbetonyacht von  Gibraltar nach Senegal. Das Schiff war so behäbig und schwierig zu  steuern, daß wir uns in einem ständigen extrem ausladenden Zickzackkurs  über den Ozean kämpften. In Marokko stopfte ich allzu eifrig allzu viel  Honiggebäck in mich hinein, was mir prompt einen tagelangen  Rachefeldzug des Herrn Montezuma einbrachte, der mich in  amplitudenreicher Atlantikdünung zu brechen suchte. Doch ich erlebte auch  Schönes: Wale, die unversehens neben dem Boot auftauchten und ihren  zischenden Atem versprühten, Fischschwärme, die das Wasser zum  Brodeln brachten, Haie, die das Meer mit ihrer Rückenflosse furchten, das  Tageserwachen auf hoher See, welches pastellig rosa und lindgrün,  zerfranst von federleichten Schlierenwolken, die Müdigkeit aus unseren  durchwachten Augen wusch.  Zwei Jahre später reiste ich wiederum nach Gibraltar, freundete mich  mit Antoine an, der eine Jacht von Marseille nach Martinique zu überführen  hatte. Schon fand ich mich in der Mitte des Atlantiks wieder. Angetrieben  von der endlos scheinenden Kraft des Passatwindes, glitten hunderte Meter  lange Wellenberge unter unserem Bötchen hindurch, hoben es sanft in  luftige Höhen, ließen es hinabgleiten in einer sonnig glitzernd funkelnden  Wasserwelt. Wir angelten seltsame Fische, tüftelten an der Effektivität der  Segelstellungen, schossen die Sonne mit einem Plastiksextanten. Die erste  Insel der Karibik mit ihrem Grün und Braun sprengte wie eine Bombe das  wochenlange Dunkelblau des tiefen Wassers.  Zwei Jungs aus Dänemark waren mit an Bord. Als ich sie später in ihrem  Land besuchte, verfiel ich der Romantik der Traditionssegler. Zahlreiche  Reisen habe ich seither auf alten Gaffelriggern unternommen, von der  dänischen Südsee über den westlichen Skærgården Schwedens bis hinauf  nach Norwegen.  Ach ja, das eigene Boot: ich stamme aus einer österreichischen  Bauern- und Arbeiterfamilie. Von Anfang an war für mich klar, daß der Weg  zum eigenen Schiff nur über den Selbstbau führen konnte. Also lernte ich  Maschinenschlosser um ein Stahlboot bauen zu können, erkundete als  Fernfahrer das europäische Autobahnennetz um Geld ranzuschaffen und  erweckte ein schrottreifes Stahlkasko in jahrelanger Arbeit wieder zu neuem  Leben. Die erste Ausfahrt – im wahrsten Sinne des Wortes – führte mich  von Triest quer durchs Mittelmeer, über die Flüsse und Kanäle Frankreichs  an die Nordsee und schließlich über die Ostsee nach Dänemark, wo ich ein  Studienjahr an der Uni Odense absolvierte.  Mit 29 hatte ich zu studieren begonnen. Die Biologie, das Wissen um  die belebte Natur, hat mich von frühester Kindheit an begeistert. Meine  Brötchen verdiente ich während der letzten Jahre zunehmend als  Charterskipper.  Zu Beginn des Jahres 2004 ließ mich der Zufall über genau jenen  Katamaran stolpern, der in meinen Gedanken schon lange vorher Gestalt  angenommen hatte. Dass dieser zudem verkäuflich war und sich seit Mai  2004 in meinem Besitz befindet, kann nur als fix installierter Schritt des  Schicksals betitelt werden. Die beiden Entwicklungslinien Segeln und  Biologie haben also zusammengeführt, sind vereinigt in der segelnden  Grazie und dem praktischen Platzangebot des Segelkatamarans Emma  Peel.  Heute:  Marites Flores floss in mein Leben wie aufsteigendes Hochwasser in  den vertrockneten Gezeitentuempel. Nach einer Periode salzverkrusteter  Soloauftritte meinerseits im Indik und Suedchinesischen Meer ueberflutete  sie Emma Peel samt Skipper mit weiblicher Waerme und exotischem  Charme.   Seither betoert ihr zwangloses Laecheln die Herzen unserer Gaeste  genauso wie die raubeinigen Fischer, denen sie gnadenlos die groessten  Fische zu Zappelpreisen abknoepft. Auf der Suche nach verwertbarem  Meeresgetier und –gepflanz schwelgt sie in hoeheren Sphaeren der  Entzueckung, wenn essbare Algen oder am Riffdach exponierte Seeigel  (aufbrechen, Eier herauskratzen, Limette und Chili dazu…hmmmm!) ihre  Sammelleidenschaft befluegeln.   Marites ist bereits um die halbe Welt gesegelt, hat die Seychellen,  Madagaskar, das Kap der Guten Hoffnung, St. Helena, Brasilien und die  Karibik im Kielwasser hinter sich gelassen. Auf den Chagos-Inseln hat sie  Kokosnusskrabben gejagt, in Madagaskar Langusten gekocht, die von den  Einwohnern gegen T-shirts getauscht wurden. In den kalten Gewaessern  um Suedafrika hat sie Seepocken vom Unterwasserschiff gekratzt, in St.  Helena darueber gelacht, dass die Kellnerinnen alle Gaeste mit Darling  ansprechen. In Fortaleza stuerzte sie sich wagemutig die hoechste  Wasserrutsche der Welt – 40m – hinab, wo zahlreiche maennliche  Anwaerter lieber wieder die Treppe hinunter stiegen. In den West-Indies  segelte sie auf der jaehrlichen Antigua Sailing Week auf klassischen  Yachten.   Heute teilt Marites ihre Erfahrung, ihr seglerisches Koennen, ihre  Rafinesse bei der Zubereitung exotischer Speisen, ihr herzhaftes Lachen,  mit mir und den Gaesten, die sich auf den Weg aus dem kuehlen Europa in  die waermende Exotik unserer Bordabenteuer machen.   Luis Robert Flores Winkler entflutschte am 21. Sept. 2011 der uteralen  Geborgenheit seiner Mutter und verweilt mit seiner Affinitaet zum Medium  Wasser in einer Art amphibischen Wonnezustand, der eben jener  vorgeburtlichen Glueckseligkeit am naechsten kommt. Koennte man als  Mensch unter Wasser atmen, wuerde er lieber dort wohnen.   Ansonsten uebt sich Luis im Haifischjagen und Muschelsammeln und  ergeht sich in babylonischer Sprachverwirrung, was vor allem seinen Papa  immer wieder bei Mama anfragen laesst, was das naemliche Wort (auf  visaya-nesisch) denn schon wieder bedeute. Zum Glueck haben wir  Englisch als quasi neutralen Boden, und hin und wieder kann ich mich mit  ein paar Deutschattacken revanchieren.   Marites Robert